Saguaro Nationalpark

Saguaro Nationalpark – Land der Kakteen

Selten genießt eine endemische Pflanze einen Wiedererkennungswert welcher weit über die geografische Begrenzung der eigenen Klimazone hinausgeht – die wahre Ikone des wilden Westens, der kolossale Saguaro Kaktus. Relativ wenig ist über den König der Sukkulenten bekannt. Wie groß werden Saguaros? Warum wachsen manchen Arme, anderen nicht? Stammen die Löcher tatsächlich von Schusswechseln zwischen Siedlern und Indianern? Und stimmt es, dass der Riesenkaktus mit seinem gespeicherten Vorrat an Wasser verirrten Goldsuchern und ausgebüchsten Gefangenen oftmals das Leben rettete?

Ein Besuch in Arizona’s Saguaro Nationalpark trennt Fakt von Fiktion. Unweit von Tucson treffen sich hier Pflanzenkundler, Hobbyhistoriker und Fans monumentaler Westernszenerien. Mit über 1,6 Millionen der stattlichsten Exemplare dieser nur in der Sonora Wüste vorkommenden Kakteenart, bietet der Park ein einzigartiges visuelles Festmahl für Besucher.

Saguaro NP

Das Schutzgebiet des Saguaro Nationalpark ist in zwei Gebiete aufgeteilt: Tucson Mountain District westlich der Stadt und  der östlich gelegene Rincon Mountain District. Generell unterscheiden sich „Ost und West“ in deren Höhenlagen, der damit verbundenen Anzahl der Vegetationszonen und der zugehörigen Artenvielfalt. Der jüngere Teil ist aufgrund seiner niedrigeren Lage von nur 700 bis 1400 Höhenmetern zugleich auch der wärmere.

Im Sommer findet man Abkühlung in der östlichen Parksektion, die in ca. 45 Fahrminuten, quer durch Tucson, erreichbar ist. In diesem Teil sind zwar weniger Saguaros beheimatet, die Exemplare werden dort aber dank des Regenwassers aus dem höheren und niederschlagsreicheren Rincon Gebirge größer als ihre Vettern in den Tucson Mountains. Auf 800 bis 2600 Metern Höhe erwarten Sie gleich sechs verschiedene biotische Gemeinschaften und Lebensräume – von den Wüstenzonen über Grasland und Steppe zu Eichen- und Nadelwäldern.

Wilde Bewohner

Im Gegensatz zum tiefer gelegenen Tucson Mountain District mit den klassischen Bewohnern der Sonora Wüste wie den Javelinas, Wüstenschildkröten, Kojoten oder dem Wegekuckuck trumpfen die Rincon Mountains in dieser Kategorie richtig auf. Auf ausgedehnten und teils sehr anspruchsvollen Trekkingtouren durch das Hinter- und Hochland eröffnet sich ein wahres El Dorado für Naturliebhaber und Freunde von Wildtieren. Sichtungen und Begegnungen mit Rotwild, Schwarzbären, Berglöwen, und sogar dem relativ scheuen Nasenbär sind keine Seltenheit.

Blacktail
NPS/Drew Jackson

Der Umstand, dass heute über 360 qkm des vielleicht beeindruckendsten Bestandes an Saguaros ein besonderer Status und der Schutz der amerikanischen Behörden zugutekommt – der Saguaro Kaktus steht auch außerhalb des Nationalparks unter Naturschutz – geht übrigens auf das couragierte Auftreten einer Gruppe Einheimischer zurück. Im Frühjahr 1933 überzeugten einige engagierte Bürger Tucsons den scheidenden US-Präsidenten Herbert Hoover davon noch kurz vor dem Ende seiner Amtsperiode in Sachen Landschaftsschutz tätig zu werden. Vor allem dank des persönlichen Einsatzes und der politischen Finesse von Homer Shantz, Botaniker und 10. Präsident der Universität von Arizona, sowie dem örtlichen Zeitungsverleger Frank Hitchcock, wurden gut 27.000 Hektar ursprünglicher Riesenkakteenwald jenseits der Stadtgrenze als National Monument unter die Verwaltung und das Protektorat des Bundes gestellt.

Als ortsansässige Forscher in den frühen 1960er Jahren einen augenscheinlich beunruhigenden Rückgang der Saguaro Kakteen verzeichneten, wurde Präsident Kennedy darauf gedrängt zusätzliche Kakteenbestände auf der anderen Seite der Stadt großflächig in das Monument einzugliedern. Die Errichtung weiterer Schutzgebiete in direkter Umgebung veranlasste 1994 den US-Kongress dazu das Denkmal nun endlich zum Nationalpark zu erheben.

Saguaro West und Ost

Insgesamt 264 km Wanderwege durch „Saguaro West“ und „Saguaro East“ bieten eine wunderbare Palette an Erlebnissen: von kurzen Naturlehrpfaden bis zu mehrtägigen Unternehmungen, die gute Vorbereitung, Vorausplanung und eine behördliche Genehmigung erfordern (bzgl. der rechtzeitigen Ausstellung eines solchen „backcountry permit“ erkundigen Sie sich bitte auf der amtlichen Webseite des Nationalparks). Das jeweilige Besucherzentrum sollte Ihre erste Anlaufstelle sein. Dort können Sie nicht nur Ihren Nationalpark-Pass kaufen, sondern bekommen auch Kartenmaterial und nützliche Informationen.

Wenn Sie nur ein paar Stunden Zeit haben empfehle ich eine Mischung aus Picknick, Petroglyphen und Panoramastraße. Bevor Sie „Saguaro West“ ansteuern, besorgen Sie sich in einem Supermarkt oder Sandwich Shop in der Stadt ein paar Leckereien für ein Picknick im Freien. Beginnen Sie Ihre Tour im Red Hills Visitor Center. Die 15-minütige Diashow „Voices of the Desert“ nimmt eine indianisch-poetische Perspektive zum Thema ein, während ein effektvolles Wüstendiorama und etliche Exponate zum Riesenkaktus selbst sowie zur hiesigen Natur- und Kulturgeschichte eine unterhaltsame Lektion abrunden. Für einen Dollar mehr gibt es eine detaillierte Beschreibung zum knapp 10 km langen „Bajada Loop Drive“, unserer nächsten Attraktion.

Folgen Sie Kinney Road in nordwestlicher Richtung bis nach ca. 2,6 km die Hohokam Road den Beginn der besagten Panoramastraße markiert; von dort geht es weiter auf einer ungeteerten, aber dennoch gut instand gehaltenen Piste. Um sich das Picknick redlich zu verdienen, nehmen Sie die 1,3 km kurze Herausforderung auf den Valley View Overlook Trail an. Belohnt werden Sie mit einem der schönsten Ausblicke entlang der kleinen Rundfahrt. Die idyllischste Lage für Ihr Picknick finden Sie am Signal Hill, mit urigen Tischen und Bänken. Suchen Sie sich eine der gemütlichen Steinhütten aus, genießen die Aussicht auf rollende Hügel geschmückt mit Saguaros, Feigen- und Cholla Kakteen und lassen sich die Brotzeit schmecken.

Signal Hill
NPS/Drew Jackson

Zum Abschluss der Tour gibt es noch einen Leckerbissen der kunsthistorischen Art. Der 400 Meter lange Fußweg hinauf zum Signal Hill ist wie ein Pfad zurück in die Vergangenheit, als die Hohokam (Pima: „diejenigen, die verschwanden“; wörtlich: „aufgebraucht‘) das heutige Zentral- und Südarizona bewohnten. Dieses präkolumbianische Volk entwickelte über mindestens ein Millennium hinweg eine der fortschrittlichsten Zivilisationen Nordamerikas. Auf dem Höhepunkt ihrer Kultur um 1300 AD sicherten mehrere hundert Kilometer an Bewässerungskanälen das Überleben von bis zu 50.000 Menschen in der Sonora Wüste. Es wird spekuliert, dass der Bevölkerungsdruck in den Folgejahrzehnten mit gleichzeitig steigender Ressourcenknappheit einen Punkt erreichte, als kleinere Gruppen, Familien und Klans nach und nach abwanderten, bis die gesamte Kultur gänzlich vom archäologischen Radar verschwand. Auf dem Signal Hill hinterließen sie dutzende faszinierende Petroglyphen, die selbst fast 1000 Jahre alt sind und bis heute nicht mit Gewissheit gedeutet werden können. Im Gegensatz zu Piktogrammen, also Felszeichnungen die auf Farbe basieren, wurden Petroglyphen in den Stein geritzt oder gemeißelt. Den Elementen über Jahrhunderte ausgesetzt erwies sich diese Technik als wesentlich beständiger und ließ die symbolhaften Nachrichten bis heute überdauern. Wenn Sie der Schotterstraße in gleicher Richtung den Berg hinunter folgen gelangen Sie wieder auf die Kinney Road, welche zurück zum Besucherzentrum führt.

Saguaro Kaktus

Dort erfahren Sie ein paar erstaunliche Daten und Fakten zu den größten natürlich vorkommenden Kakteen in den USA. Es gibt weltweit tatsächlich eine Sukkulentenart, die im Durchschnitt höher wächst als der Saguaro; der massive Cardon, der vor allem im nordwestlichen Mexiko beheimatet ist. Dem US-Nationalpark Service zufolge war der größte jemals gemessene Kaktus jedoch ein Saguaro mit schier unglaublichen 23,7 Metern. Die meisten seiner stacheligen Familienangehörigen hingegen begnügen sich nach 150 bis 200 Jahren Lebenszeit mit etwas bescheideneren, jedoch stattlichen 12 bis 18 Metern. Das scheint immer noch schwer fassbar, vor allem wenn man bedenkt, dass ein Saguarosprössling im 10. Lebensjahr gerade mal 3 cm vom Boden misst. Erst im reifen Alter von etwa 70 bis 80 Jahren beginnen seitlich Arme herauszuwachsen. Einzelne Exemplare entwickeln enorme kronleuchterhafte Anordnungen mit mehr als 25 Armen. Nach ausgiebigen Regenschauern bringen die Größten ihrer Art saturiert ein Gewicht von mehr als 5 Tonnen auf die Waage.

Cristate Saguaro

Die Traumfabrik Hollywood sorgte zwar für die weitreichende Popularität des Saguaros, hat uns aber auch ein paar „Bären aufgebunden“. Nein, die Löcher die wir speziell in dieser Kakteenart sehen, sind keine Einschusslöcher von rauchenden Colts; diese haben ganz natürliche Ursachen. Der Wüstengoldspecht sowie der Gila Specht bauen ihre Nester in den fleischigen Teil des Saguaro zwischen der wachsähnlichen Außenhaut und dem äußerst robusten Rippenkäfig, und müssen sich so um Räuber wie Schlangen oder Nager dank des allseitigen Stachelschutzmantels keine Gedanken mehr machen. Der Kaktus hingegen versiegelt die beschädigten Flächen mit einem dichten, stabilen Narbengewebe und verhindert somit eine Austrocknung von innen heraus.

Auch der Wildwestmythos vom Saguaro als Retter verdurstender Siedler, die auf ihrem langen Treck durch die Wüste vom Weg abkamen und die letzte Wasserstelle verpassten, entbehrt jeder Grundlage. Fakt ist, dass das schwammartige Kaktusfleisch mehrere Substanzen enthält, die Erbrechen bei Menschen hervorrufen. Die einzigen verzehrbaren Teile, die schon seit tausenden von Jahren von den einheimischen Völkern als saisonale Bereicherung ihrer Kost geschätzt wurden, sind die Früchte. Diese werden heute noch – übrigens auch im Nationalpark – von Stammesmitgliedern der hiesigen Tohono O’odham Indianer, die sich als Nachfahren der Hohokam verstehen, mittels zusammengebundener, verlängerter Saguarorippen zur Erntezeit von den Spitzen und Armen der Kakteen gestoßen. Die Früchte werden gesammelt, gekocht und zu einem der seltensten Fruchtsirups der Welt reduziert. Anwendung findet die rauchig-süße Essenz ähnlich wie edler Balsamico in Salatdressings, als Glasur, über Eiscreme und bei Regenzeremonien des Stammes.

Die Frucht ist das Einzige, was vom Saguaro Kaktus mitgenommen werden darf. Wie erwähnt, steht der Saguaro unter Naturschutz, Beschädigung oder Entwendung ist verboten.

Red Hills Visitor Center, Tucson Mountain District (Saguaro NP West)
2700 N. Kinney Rd, Tucson, AZ 85743 * Tel: 520-733-5158
www.nps/sagu

Visitor Center, Rincon Mountain District (Saguaro NP East)
3693 S. Old Spanish Trail, Tucson, AZ 85730 * Tel: 520-733-5153
www.nps/sagu

Photos: Saguaro National Park; Arizona Office of Tourism; Tucson CVB


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