Canyon de Chelly – Verborgene Schönheit

Touristen besuchen in Scharen den Yellowstone Nationalpark, das Monument Valley, den Grand Canyon, Bryce oder Zion – der Canyon de Chelly blieb bis jetzt von Besucherströmen weitestgehend verschont. Während jährlich gegen 5 Millionen Menschen den Grand Canyon besuchen, waren es seit der letzten Erhebung gerade mal ein paar Hunderttausend, die den Canyon de Chelly auf ihrer Reise in den Südwesten eingeplant hatten. Ziemlich erstaunlich, denn der Canyon liegt keine hundert Meilen vom Monument Valley entfernt und ist in weniger als zwei Autostunden zu erreichen. In Chinle, ein paar Autominuten außerhalb des Canyons, gibt es zudem unzählige Hotels und Motels, Restaurants und Fast-Food-Ketten. Für Rucksacktouristen oder Wohnmobil-Reisende steht im Park der Cottenwood Campground zur Verfügung. Wild-Camping oder Wandern ist verboten. Der Canyon de Chelly fristet zu Unrecht ein Mauerblümchendasein. Vielleicht ist es aber auch gut so.

1931 wurde der Canyon zum National Monument und trägt seitdem den Namen Canyon de Chelly National Monument. Der Name „Canyon de Chelly“ ist indianisch, wird „kɛnjən dəˈʃeɪ“ ausgesprochen und heißt treffend übersetzt Felscanyon. Obwohl das Gebiet vollständig den Navajo Indianern gehört, wird der Park seit Anfang der 30er Jahre vom Nationalpark Service verwaltet. Im Gegensatz zu den meisten Nationalparks, verlangen die National Monuments keine Eintrittsgebühren.

Mehr als 5000 Jahre lang haben Menschen ununterbrochen im Canyon de Chelly gewohnt – länger als irgendwo sonst am Colorado Plateau. Das gesamte Gebiet des Canyon de Chelly National Monument besteht aus dem „Canyon de Chelly“, „Canyon del Muerto“ und dem „Monument Canyon“. Die Gesamtfläche beträgt rund 340 qkm, etwas mehr als die Fläche von München. Mit etwas über 40 km Länge ist der Canyon de Chelly der längste von allen.

Photo: Markus Kohler

Bevor Sie sich aufmachen, den Canyon de Chelly zu erkunden, empfiehlt sich ein Abstecher in das Besucherzentrum, das sich gleich am Eingang zum Park befindet. Vom Park Ranger erfährt man Näheres über die Wetterentwicklung, zweckmäßige Ausrüstung, Verpflegung und zugänglichen Wanderwege. Mit etwas Glück kann man Indianern beim Handwerk zusehen. Canyon de Chelly liegt auf ca. 1700 Metern Höhe und wird nach wie vor von Navajos, einem der 15 in Arizona ansäßigen Indianerstämme, bewohnt. Sie betreiben, wie ihre Urahnen, Viehzucht sowie Getreide- und Obstanbau. Diese Gebiete sind für Touristen tabu, außer man bucht eine geführte Tour. Um in den Canyon de Chelly zu gelangen werden ein Backcountry Permit (Wandererlaubnis) und ein Navajo Führer benötigt. Die Gebühren dafür variieren. Touren mit dem Auto, Pferd oder zu Fuß sind generell ganzjährig möglich, können jedoch aufgrund von Unwetterwarnungen kurzfristig eingeschränkt werden.

Um den North und South Rim Drive zu fahren bzw. den White House Trail zu wandern sind weder ein Backcountry Permit noch ein Navajo Führer nötig. Für den Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten sollte man vorzugsweise den South Rim Drive wählen. Die Distanz hin und zurück liegt bei rund 37 Meilen. Drei Stunden reichen aus, um bei allen Aussichtspunkten anzuhalten um die Landschaft und Natur zu genießen.

Photo: AZ Office of Tourism

Der White House Trail, eine etwa 2,5 Meilen lange Rundtour mit 200 Meter Höhendifferenz, ist glücklicherweise zugänglich für die Öffentlichkeit. Empfehlenswert ist eine kleine Wanderung vom Plateau aus tief hinunter ins Innere des Canyons. Vom White House Overlook aus führt ein gut ausgebauter, mitunter aber recht steiler Weg hinunter auf die ebene Fläche. Bis zu den White House Ruins sind es noch eine gute Viertelstunde. Die White House Ruins sind eine in den Fels gebaute kleine Siedlung, die vermutlich zur Zeit der Pueblo Indianer, auch Anasazi genannt, vor ca. 1000 Jahren gebaut wurde. Der weiße Stein, der für den Bau des oberen Hauses verwendet wurde, war wohl Namensgeber. Es gibt Spuren, die auf eine mindestens saisonale Besiedelung des Canyons vor bereits 5000 Jahren hinweisen. Leider können die Ruinen nur noch aus sicherer Distanz und durch einen Maschendrahtzaun betrachtet werden. In den 50er Jahren kletterten nämlich Touristen zur Siedlung hoch und beschädigten die historische Stätte mit ihren Initialen und anderen Kritzeleien. Solche Untaten werden mittlerweile erheblich bestraft.

Der Canyon de Chelly schaut auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Vor rund 700 Jahren verließen die meisten Pueblo Indianer, die einige hundert Jahre dort lebten, wegen Krankheiten und Konflikten untereinander den Ort. Etwa um das Jahr 1300 herum besiedelten zuerst die Hopi, anschließend die Navajo sowie andere Stämme den Canyon, brachten Schafe und Ziegen mit und kultivierten den Boden. Da der Chinle Wash durch den Canyon de Chelly fließt, gestaltete sich die Bewäßerung einfach. Die gepflegten Maisfelder und Pfirsichkulturen waren deshalb weitläufig bekannt. In den späten 1700er Jahren endete die Ruhe und Abgeschiedenheit abrupt durch Unruhen unter den Stämmen und dem Einmarsch der spanischen Kolonisten. Ein Teil der zurückgebliebenen Navajo Indianer versteckte sich in den zerklüfteten Felsen, konnte aber nicht verhindern, dass die Spanier, Mexikaner und die US Kavallerie ihre Verstecke aufspürten. Der Canyon wurde abriegelt und die Felder und Plantagen zerstört, was letztendlich zu einer großen Hungersnot führte. Nachdem der Widerstand gebrochen war, wurden die verbleibenden Navajos verschleppt oder gleich umgebracht. Ein weiteres düsteres Kapitel in der zum Teil wenig ruhmreichen Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika zu dieser Zeit.

Photo: Explore Navajo

Ein weiteres Wahrzeichen im Canyon de Chelly ist der Spider Rock. Zwei riesige, ca. 240 Meter hohe aus rotem Sandstein geformte Felsnadeln, die gemäß Geologen etwa 230 Millionen Jahre alt sein sollen, ragen von weitem gut sichtbar in den tiefblauen Himmel Arizonas. Der Mythologie zufolge sind die Kuppen der Wohnsitz der Spider Woman, der Spinnenfrau. Sie brachte den Menschen zu dieser Zeit die Kunst des Webens bei. Unartige Kinder hingegen wurden von ihr in ihrem Netz gefangen und danach verspeist.

Wer seine Zeit optimal geplant hat, sollte zurück zum Besucherzentrum und anschließend den North Rim Drive hochfahren, um weitere geschichtsträchtige Orte zu besuchen. Traurige Berühmtheit erlangte dabei die Massacre Cave im Canyon del Muerto. Wie es der Name bereits erahnen läßt, fand hier ein einseitiges, blutiges Gemetzel statt, das allen 115 dort angesiedelten Navajos das Leben kostete. Im Winter 1805 entdeckte eine spanische Militärexpedition Indianer, die gerade auf der Jagd waren. Der Anführer der Expedition, Leutnant Antonio Narbona, ließ alle Männer töten und führte 33 Frauen und Kinder in die Sklaverei. Bekannt wurde auch eine mutige Navajo Frau, die sich an einen der spanischen Offiziere klammerte und sich mit ihm von den 300 Meter hohen Klippen in den Tod stürzte.

Glücklicherweise erlebte der Canyon auch friedliche Tage, z. B. auf der Leinwand. Die großartige Naturkulisse ist auch den Hollywood Filmemachern nicht entgangen. 1969 wurde hier unter J. Lee Thompsons Regie der Western „Mackenna’s Gold“ mit Gregory Peck, Omar Sharif, Telly Savalas und Edi Wallach in den Hauptrollen gedreht.

Canyon de Chelly ist ein wunderbarer Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit, fernab der großen Touristenströme. Wären da nicht die Overlooks mit den geparkten Mietautos der Touristen und die inzwischen zeitgemäß gekleideten Indianerinnen, die ihren handverarbeiteten Schmuck verkaufen, man hätte das Gefühl sich auf einer Zeitreise zu befinden. Und wenn man sich ganz leise verhält, kann man mit etwas Glück die Navajo Kinder spielen und lachen hören. Für die Navajos ist dieser Ort immer noch heilig.

So kommen Sie hin:

Um zum Canyon de Chelly National Monument zu gelangen, fliegen Sie am besten nach Phoenix, Arizona oder Albuquerque, New Mexico und fahren dann weiter mit einem Leihfahrzeug, das Sie sich bereits zuhause reservieren sollten.

Von Phoenix aus fahren Sie die Interstate 17 nördlich nach Flagstaff auf die Interstate 40 East und Highway 191 Nord. Von Albuquerque geht es auf die Interstate 40 West bis Gallup, weiter auf dem Highway 491 Nord und 264 West bis zum Highway 191 Nord. Folgen Sie dem Hwy 191 bis nach Chinle.

Canyon de Chelly National Monument, 3 Meilen östlich von Highway 191 an der Route 7, Chinle, AZ 86503
Tel.: 928-674-5500 * www.nps.gov/cach/index.htm

Das Besucherzentrum ist täglich (außer an Thanksgiving, 25. Dezember und 1. Januar) von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet.

Denken Sie bitte dran, dass Sie Indianer und ihre privaten Siedlungen nicht fotografieren dürfen. Wenn man vorher frägt, sind sie jedoch oft bereit, gegen eine kleine Spende, sich fotografieren zu lassen.


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