Pie Town, New Mexico – Wir lieben Kuchen, Sie auch?

Wer durch die USA reist, stößt mit Sicherheit irgendwann auf einen Ort, dessen kurioser Name vermuten lässt, dass eine Geschichte dahintersteckt. Am West Highway 60 in New Mexico gibt es viel Überraschendes zu entdecken. Doch eine kleine Stadt mit 186 Einwohnern begeistert seine Besucher ganz besonders mit viel Charme, Nostalgie und vor allem mit Kuchen – Pie Town.

Mein Ausflug beginnt mit einer Fahrt auf der friedlichen Interstate I-25 in Richtung Süden. An der Ausfahrt 150 bei Socorro/Magdalena geht’s weiter auf dem mythischen Highway 60 West. Kleine Ortschaften verkamen zu Geisterstädtchen, liebevoll restaurierte Tankstellen und Kneipen erinnern an die Blütezeit dieser Strecke und landschaftliche Höhepunkte, wie die Gebirgskette der Magdalena Mountains. Doch in der endlosen Weite der kaum besiedelten Region kommen auch Wissenschaft und Forschung nicht zu kurz. Von einer kleinen Anhöhe aus, sehe ich, wie aus dem Nichts, 27 Parabolantennen, die fast wie eine Weltraumstadt erscheinen und in der Form eines Y angeordnet sind. Das Very Large Array ist eine gigantische Teleskopanlage zum Empfang von Radiowellen aus dem Weltraum und erlaubt Blicke in bisher verborgene Bereiche des Kosmos. Es ist eine der interessantesten astronomischen Beobachtungsstationen in den USA. Nach einem kurzen Stopp im Besucherzentrum, geht es weiter zur Pie Town.

Photo: National Radio Astronomy Observatory (NRAO)

Kuchenduft liegt bereits beim Lesen des Ortsschilds in der Luft. Es kommt mir vor, als hätte ich mich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit begeben. Alle Mythen und Legenden um den Wilden Westen, als Karl May’s Winnetou und Old Shatterhand durch mein Kinderzimmer jagten, werden plötzlich wahr. Staubige Straßen, zerfallene Holz- und Backsteingebäude, alte rostige Windmühlen drehen langsam ihre Flügel im Wind und hier und da steht ein vertrockneter Kaktus. Ein Gebäude gibt es allerdings, das sofort ins Auge sticht. Es liegt zwischen einer stillgelegten Tankstelle und einem Stoppschild: das Pie-O-Neer Café.

Betritt man das Café wird man sofort mit einem freundlichen „WELCOME“ begrüßt. Der Gastraum ist gemütlich, charmant, aber auch urig. Die Einrichtung ist originell mit nostalgischem Flair; wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Das Publikum ist eine Mischung aus Einheimischen, Durchreisenden, Urlaubern und Bikern. Es herrscht ein wuselndes Durcheinander von Stimmen und Düften. Eine Person füllt den Raum und präsentiert sich unübersehbar. Kathy Knapp, die Bäckerin, Unterhaltungskünstlerin und Besitzerin, auch bekannt unter dem Namen: Pie Lady.

 

Wie kam die Pie Lady nach Pie Town?

Kathy Knapp reiste mit ihrer Familie nach New Mexico, um dem hektischen Alltag in Dallas, Texas zu entfliehen. Ihre Mutter wollte unbedingt einen Abstecher nach Pie Town machen. Erwartet haben natürlich alle, dass sie irgendwo in der kleinen Stadt leckeren Kuchen finden. Doch wie so oft im Leben, führen Erwartungen zu Enttäuschungen, wenn sie nicht erfüllt werden. Kuchen gab es nirgendwo, nur ein Schild an einem alten Laden mit der Aufschrift: „Sorry, no more pie in Pie Town (Entschuldigung, aber Kuchen gibt es in Pie Town nicht mehr)“. Kathy’s Mutter Mary konnte es nicht glauben und wollte das am liebsten auch gleich ändern. Sie war von der Idee besessen, dem Namen der Stadt wieder Ehre zu machen. Auf dem Heimweg nach Dallas beschloss Kathy mit ihrem Mann, die gemeinsam eine erfolgreiche Werbeagentur besaßen, den Traum der Mutter zu erfüllen und den Laden zu kaufen. Bankiers allerdings waren nicht so ganz mit dem Geschäftsplan einverstanden, denn ein Kuchenladen in Pie Town mit damals nur 150 Einwohnern, sah nicht sehr vielversprechend aus. Sie rieten Kathy, „kauf lieber ein Boot, das ist eine bessere Investition.“ Doch 1995 wurde der Pie Shop Wirklichkeit. Souverän und fein bot Mary Frühstück, Mittagessen und Abendessen an. Die Gäste fühlten sich wohl, die Qualität des Essens und vor allem die guten Kuchen sprachen sich schnell rum, und der kleine Ort wurde zu einem regionalen, gastronomischen Eldorado. Wer in Pie Town einkaufen will ist fehl am Platz, wer ein Stück Kuchen und eine Tasse Freude genießen will, ist bei Mary genau richtig. Sie betrieb das kleine Restaurant über viele Jahre, bis sie krank wurde und in ihre alte Heimat zurückzog.

Kathy, die schon immer spontan und abenteuerlustig war, gab ihr Leben in Dallas auf und übernahm den Kuchenladen. Sie wollte ganz in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, doch selbst mit viel Hilfspersonal, konnte sie das reichhaltige Menu nicht weiter anbieten. Es wurde radikal gestrichen. Weniger ist mehr lautet ihre neue Devise. Doch nicht nur die Speisekarte wurde neu geschrieben, der gesamte Laden bekam ein makeover. Bald danach auch ihr Privatleben. Ihr Mann Thomas wollte auf Dauer nicht in der Abgeschiedenheit leben. Thomas ging, Kathy blieb.

In Pie Town findet sie endlich wieder Zeit zu leben und reichlich Motive für ihr Hobby, die Fotografie. Sie liebt die Ruhe, die idyllische Lage, tausende von Sternen in der Dunkelheit, ab und an einen vorbeiziehenden Kometen, heulende Kojoten und vor allem die Leute sind ihr ans Herz gewachsen. Sie stellt mir Menschen vor, die aus tiefster Überzeugung erklären: Pie Town ist „magical“, und zwar im Sinne von zauberhaft, magisch und märchenhaft zugleich. Maler, Bildhauer, Astrologen, Musiker und Autoren treffen sich hier. Außerdem teilen sie eine große Leidenschaft – die Liebe zu Kathy’s „Pie“.

Kuchen gibt es jeden Tag frisch und meistens 20 verschiedene Variationen. Obstkuchen nach Jahreszeit, Kokosnusscreme, Schokoladencreme und Zitronencreme gehören zu den Grundlagen. Die Pie Lady überrascht immer wieder aufs Neue mit ausgefallenen Kreationen. Wer nicht so ganz auf Zucker steht, bekommt Süße und Schärfe im Zweierlei mit Apfel und Chili und täglich frisch – eine Quiche. Die Speisekarte wird ergänzt mit einem Eintopf oder einer Suppe und als Getränke gibt es Kaffee, Tee und frische Limonaden. Doch was wäre das Leben ohne fleißige Helfer? Sie ist stolz auf ihr Team, einige haben, wie auch sie selbst, das Stadtleben aufgegeben und sich in Pie Town niedergelassen. Megan aus Phoenix, Arizona und Lisa aus New York. Die beiden sind sich im Übrigen einig, dass jeder Kuchen, der aus der Backstube kommt ein kleines Kunstwerk ist. Einige andere, wie Mike, „Mädchen für alles“, leben schon lange hier und nicht zu vergessen, Kathy’s große Liebe und Kuchenpartner Stanley, dessen Spezialität ein Brombeerkuchen ist. Er führt ein Bed & Breakfast, in dem Kathy vor vielen Jahren einmal übernachtet hat und sich nicht nur in den Kuchen verliebt hat, es war: „Love at first pie!“

Für Kathy heißt Kuchen essen genießen und sich Gutes tun. Dazu gehören gute Zutaten ohne Zusatz- und Konservierungsstoffe, keine künstlichen Aromen und alles frisch und hausgemacht. Kuchen spricht alle Sinne an, man schmeckt Nuancen, man riecht das Aroma, die Augen erfreuen sich an den vielfältigen bunten Farben und selbst die Ohren hören immer wieder ein leichtes, genussvolles  Schmatzen. Hat sie einen Lieblingskuchen? Nein, sie liebt sie alle. Wäre das Leben ein Kuchen, hat die Pie Lady eine einfache Zutatenliste: Ihre Philosophie: „Zutaten allein machen keinen Kuchen“. Ihr Geheimnis: „Eine Prise Liebe“.

Pie Lady of Pie Town – der Film

Ein Platz wie das Pie-O-Neer Cafe bleibt auch nicht von der Unterhaltungsindustrie unentdeckt. Die preisgekrönte Fotografin Jane Rosemont aus Santa Fe, New Mexico hat die Geschichte vom Pie-O-Neer Café in einen Kurzfilm verwandelt. Der 30-Minüter ist ein kleines Meisterwerk. Eine Mischung aus Backhandwerk und Komödie, unterlegt mit gelungener Westernmusik. Es ist der Präzision lustiger Dialoge, der Stimmigkeit alltäglicher Szenen in der Backstube und im Café sowie der Gestik und Mimik von Kathy Knapp zu verdanken, dass der Zuschauer ganz schnell ein deutliches Bild von der Pie Lady gewinnt. Ihre Person ist liebevoll charakterisiert, nicht zuletzt durch originelle Outfits und Accessoires. Die Botschaft wird stimmig vermittelt und der augenzwinkernde Humor der Stammgäste und des Backteams sorgt für gute Unterhaltung. Der US-amerikanische Schauspieler Wes Studi, ein Cherokee Indianer, bekannt aus „Der mit dem Wolf tanzt“ oder „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ und in der Freizeit begeisterter Bäcker, überzeugt mit einer brillanten Erzählerfunktion.


Pie Lady of Pie Town
ist Jane Rosemonts erster Film. Sie war inspiriert von der Persönlichkeit der Pie Lady und vor allem von Pie Town, wo Menschen viel Zeit für Menschen haben und die Bewohner ein Stück des alten Westens repräsentieren. Von einer Filmemacher-Karriere hat sie nie geträumt. Der Kurzfilm wurde auf vielen Filmfestivals gezeigt und hat schon einige Preise gewonnen. Kurz vor Weihnachten war Jane noch schnell in New York um sich bei den „Short Film Awards“ eine weitere Auszeichnung abzuholen: „Bester Regisseur eines kurzen Dokumentarfilms“. Wie ihr nächster Film heißt, verrät sie noch nicht. Doch einen Rat gibt sie mir mit auf den Weg: „Egal was passiert, vertraue immer Deinem Instinkt! “. Eine optische Kostprobe von der Pie Lady of Pie Town findet man auf Jane Rosemonts Website   www.kubygirlproductions.com.

 

 

Und hier ein Geheimrezept von der Pie Lady persönlich.
Viel Spaß beim Backen!

 


Apfel-Preiselbeer-Kuchen

Teig
125g Butter
2 Esslöffel Schmalz
125g Zucker
180g Mehl
1 Teelöffel Backpulver
Etwas Butter für die Form

Butter schmelzen, dann abkühlen lassen. Zucker einrühren, Eier zugeben. Mehl und Backpulver mischen und mit dem Schmalz zu einem glatten Teig verarbeiten. Eine runde Form einfetten und den Teig hineingeben.

Füllung
7-8 Äpfel, eine Mischung aus  Granny Smith und einer roten Sorte (außer Delicious)
115g Zucker
2 Esslöffel Speisestärke
2 Esslöffel Zimt
2 Esslöffel Zitronensaft
200g frische oder gefrorene Preiselbeeren

Garnierung
115g Brauner Zucker
75g Mehl
50g Butter
50g Haferflocken

Äpfel schälen, entkernen und in Schnitze schneiden. Zucker, Speisestärke, Zimt und Zitronensaft untermischen. In separater Schüssel Zucker, Butter, Mehl, und Haferflocken zu Streusel verarbeiten. Füllung auf den Teig geben, danach die Streusel zugeben. Für etwa 20-25 Minuten bei 220° C backen. Danach auf 175° C reduzieren und weitere 40-45 Minuten backen. Eine Stunde abkühlen lassen. Guten Appetit!

So kommt man nach Pie Town

Von Albuquerque geht es auf der I-25 South etwa 70 Meilen Richtung Socorro. An der Ausfahrt 150 auf den Highway 60 West nach Pie Town.

The Pie-O-Neer Café
US 60, Pie Town, NM 87827 * Tel: 575-772-2711 * www.pie-o-neer.com


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