Bosque del Apache – Ein Refugium für Fauna und Flora

Bosque del Apache ist Spanisch für „Wald der Apachen” und verwurzelt mit der Zeit, als die Apachen, die routinemässig in den Auenwäldern lagerten, von den Spaniern beobachtet wurden. Heute ist Bosque del Apache eines der spektakulärsten Wildschutzgebiete in Nordamerika. Der Himmel verdunkelt sich, wenn sich jedes Jahr im Herbst Kraniche, Arktisgänse und viele verschiedene Arten von Enten hier sammeln, um zu überwintern. Nahrung suchende Schneegänse flattern plötzlich zu Tausenden los, wenn sie von einem heranpirschenden Koyoten erschreckt werden, und in der Dämmerung kann man einen Landeflug nach dem anderen beobachten, wenn Gänse und Kraniche zurückkehren, um in den Sümpfen zu nisten.

Das Naturschutzgebiet liegt in der Nähe von Socorro, einer Kleinstadt am Rio Grande, etwa 120 km südlich von Albuquerque. Die einzigartige Sumpflandschaft erstreckt sich auf einer Fläche von etwa 200 km². Ein 20 km langer, mit dem Auto befahrbarer Rundweg und mehrere Aussichtsplatformen bieten Besuchern die Gelegenheit, in eine eindrucksvolle Welt der Vögel einzutauchen. In den Wintermonaten (zwischen November und März) finden sich hier über 10.000 Kanadakraniche und rund 20.000 arktische Scheegänse sowie andere Vogelarten wieder. Sie sind Zugvögel auf Nahrungssuche und kommen aus unterschiedlichen Regionen.

Die Schneegans zum Beispiel brütet im Norden Kanadas, im Nordwesten Grönlands, in Alaska und im Nordosten Sibiriens. Sie gehört zur Familie der Entenvögel und wurde über Jahrhunderte gejagt. Mit der Umwandlung von zuvor naturbelassenen Gebieten in landwirtschaftlich nutzbares Terrain fehlten solche Überwinterungsgebiete. Während ihrer langen Reise bilden sie eine mit der Spitze nach vorn gerichtete V-Flugformation. Auf diese Weise nutzen sie den Aufwind, der sich hinter den Flügeln des vorderen Nachbarn entwickelt. Der stärkste Vogel ist normalerweise das Leittier, wird aber zwischendurch von anderen Fluggenossen abgelöst. Schneegänse fliegen mit einer durchschittlichen Geschwindigkeit von 55 km pro Stunde können aber bis zu 95 km in der Stunde erreichen. Der Formationsflug bietet auch Schutz vor Angreifern. Der Feind sieht nur eine riesige dunkle Wolke, die in sekundenschnelle Gestalt und Richtung ändert.

Der Kanadakranich, auch Sandhügelkranich genannt, brütet in den arktischen Gebieten Nordkanadas, Alaskas und im Osten Sibiriens. Der Bestand wird auf 650.000 Tiere weltweit geschätzt. Er überwintert hauptsächlich in Kalifornien, Texas, New Mexico und im Norden Mexicos. Die Körperlänge reicht von 88 cm bis 120 cm, die Flügelspannweite liegt zwischen 160 cm und 210 cm, das Gewicht beträgt 3 kg bis 6 kg. Auch sie fliegen eine V-Formation in einer Höhe von ca. 2000 Meter. An einem Tag werden zwischen 300 und 800 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von 60 bis 80 km pro Stunde zurückgelegt.

Man nennt die Strecken, die die Zugvögel fliegen, Flugrouten oder auch Zugstrassen. Zugvögel nehmen für ihre lange Reise nicht immer den kürzesten Weg. Oftmals machen sie einen Umweg von mehreren hundert Kilometern, um nicht das offene Meer oder Wüsten überfliegen zu müssen. In Nordamerika gibt es vier grosse Flugrouten – eine entlang der Pazifikküste, eine entlang der Atlantikküste, eine den Mississippi-Lauf hinunter und eine über Labrador entlang der südlichen Hudsonbay.

Es war lange Zeit fragwürdig, wo Vögel die kalte Jahreszeit verbringen. Aristoteles glaubte, sie begeben sich in den Winterschlaf. Erst seit dem 19. Jahrhundert werden die Zugrouten nachdrücklich erforscht. Zu Anfang hat man eine bestimmte Anzahl von Tieren eingefangen, sie mit Metallringen versehen und wieder freigelassen. Trotz einer grossen Anzahl von beringten Vögeln, wurden die meisten nicht wieder gefunden. Genaueres über die Wanderbewegungen wurde von Ornithologen (Vogelkundlern) erst herausgefunden, als man mit Sendern gearbeitet hat, die über Funk- oder Satellitensignale erfasst wurden. Zur Richtungsorientierung wird das Magnetfeld der Erde genutzt. Bei tagsüber Reisenden richtet sich der Weg nach dem Sonnenstand. Nächtlich ziehende Vögel stellen sich auf die Sterne ein. Landorientierung wird ausgeschlossen, weil einige Zugtiere extrem lange Strecken über Wasser fliegen.

Wo nehmen die Vogelarten die Energie für einen solchen Langstreckenflug her? Wissenschaftler nahmen sich einen Windkanal zu Hilfe. Vögel wurden trainiert, bis zu acht Stunden auf der Stelle zu fliegen. Während des Flugs wurde die Herzfrequenz gemessen und vor dem Start und nach der Landung wurde gewogen. So ergaben sich Rückschlüsse auf Energie- und Sauerstoffverbrauch. Dementsprechend stellte man fest, dass sie sich zuerst ein Fettpolster anfressen, was aber nicht ausreicht solche Entfernungen zu bewältigen. Die Antwort ist, dass die Tiere im Verlauf einer Reise ihre Organe abbauen. Der Brustmuskel verkleinert sich und der Verdauungstrakt schrumpft bis zur Hälfte. Dadurch werden Eiweisse freigesetzt, die die notwendige Energie liefern. Wenn sie ihr Ziel erreichen, regeneriert sich alles innerhalb weniger Tage.

Bosque del Apache wurde bereits 1939 als Refugium für unterschiedliche, in erster Linie aus nördlichen Bundesstaaten stammende, Zugvogelarten künstlich angelegt, die dort die Wintermonate verbringen, bevor sie im Frühling wieder nach Norden ziehen. In einem Teil des Areals wird Getreide angebaut, damit die gefiederten Freunde auch genügend Futter finden.

Um 5 Uhr morgens an einem Novembertag versammelt sich eine Gruppe von Menschen vor der Ranger Station (Forststation), um den Alltag zu vergessen und sich auf ein kleines Abenteuer zu begeben. Eine Stunde vor Sonnenaufgang, wenig Morgenwind und für die Jahreszeit angenehm milde Temperaturen sind absolute Idealbedingungen. Steve, ein einheimischer Vogelkundler, gibt uns eine kurze Einführung in die Tierwelt. Nicht nur Vogelarten sondern auch Kojoten, Luchse, Pumas, Maultiere oder Schlangen finden im Bosque del Apache ihren Lebensraum.

Um 6.15 Uhr nähern wir uns dem Haupteingang und erreichen den Tour-Rundweg. Wie für die Touristen bestellt, rast das Wappentier von New Mexico, der Roadrunner (Rennkuckuck) unerschrocken vor unserem Kleinbus über die Strasse. Der Roadrunner verfügt über zahlreiche Besonderheiten. Er kann bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km pro Stunde rennen, seine Körpertemperatur, wie auch die Kolibris, auf 14 Grad Celsius absenken und ist in der Lage, seinen Flüssigkeitsbedarf ausschliesslich aus der Nahrung zu decken. Seine Richtung kann er in Sekundenschnelle ändern; deshalb sagen ihm die Indianer folgende spirituelle Bedeutung nach: Plane nicht so viel, sondern handle lieber und wenn nötig, spring über deinen Schatten und wechsle den Kurs!

Wir zweigen auf den Farm-Rundweg ab und laufen zu einer Aussichtsplattform, um rechtzeitig zum Massenstart der Kraniche und Schneegänse einzutreffen. Noch herrscht absolute Morgenstille, die Luft riecht nach modriger verfaulter Erde, Sumpfgras und Laub. Die Ruhe wird lediglich durch die Auslöser der Kameras gestört, besonders als uns Steve auf einen Rotluchs aufmerksam macht, der in schnellem Galopp mit Beute aus dem Gestrüpp in der endlos weiten Landschaft verschwindet. Mit dem ersten Sonnenstrahl breitet sich eine atemberaubende Geräuschkulisse aus. Der Himmel färbt sich rot. Die Kraniche richten Kopf und Hals bogenförmig zehn bis zwanzig Sekunden in Flugrichtung, um durch Stimmsignale untereinander den Abflug zu synchronisieren. Danach stossen sie sich ab und fliegen mit ausgestrecktem Hals zu umliegenden Futterplätzen, wo sie sich den ganzen Tag aufhalten. Minutenlang ertönen wildes Geschnatter und Flügelschläge. Die Sonne ist aufgegangen, die Vogelschwärme verteilen sich in alle Himmelsrichtungen und wir befinden uns inmitten einer Menschenansammlung mit Kameras auf Stativen, wie auf einer Ausstellung für Fotozubehör. Wir verlassen den Schauplatz, sind uns aber alle einig, dass wir etwas ausserordentlich Spektakuläres miterlebt haben.

Kurz vor Sonnenuntergang treffen wir uns wieder. Einige Wildenten kreisen unruhig über uns. Unser Vogelexperte weiss warum. Nicht weit von uns entfernt, in einem verdorrten Baum, sitzt ein Weisskopfseeadler mit eingezogenem Hals. Er ist einer der grössten Greifvögel und gleichzeitig der Wappenvogel der Vereinigten Staaten. Er steht unter Artenschutz. Kopf, Hals und Schwanz sind weiss, Körper und Flügel dunkelbraun. Füsse, Schnabel und die Iris der Augen hellgelb. Er ernährt sich hauptsächlich von Fischen und Wasservögeln. Die Enten beruhigen sich, als der Adler zum Wasser fliegt und sich etwas ausruht, bevor er einen neuen Angriff startet.

Die untergehende Abendsonne spiegelt sich in einem mit Schilf umrandeteten Teich. Wir befinden uns auf dem „Flight Deck”, einer Einflugschneise der Vögel. Fotoexperten drängeln sich, tauschen letzte Erfahrungen mit Gleichgesinnten aus und teilen ihre Freude an Kameras und Fotographie. Zuerst wird die Szene ohne Kamera betrachtet, dann die entsprechende Perspektive und Position gewählt, danach das Stativ platziert, der passende Bildausschnitt gewählt und fertig. Alle Blicke sind voller Erwartung in den Himmel gerichtet. Nach einer halben Stunde werden die Wartenden etwas ungeduldig. Die Natur ist offensichtlich keine Zeitschaltuhr, die nach einem genauen Plan vorgeht. Belichtungsmesser kommen zum Einsatz und wieder werden Tipps verteilt: Wie stelle ich die Belichtungszeit ein? Manuell oder Automatik? Inmitten heftiger Diskussionen hört man schnatternde Geräusche aus der Ferne. Die Stimmen verstummen als eine Gruppe von Schneegänsen zur Landung ansetzt. Die weissen Vögel glänzen im Abendlicht und passen sich der orange-roten Farbe des Himmels an. Wenig später folgen die Kraniche, die von den Chinesen schon seit Jahrtausenden als Glücksvögel bezeichnet werden. Ob sie wirklich Glück bringen wissen wir nicht. Eines steht allerdings fest, wir haben das Glück, einen überwältigenden Einflug zu beobachten. Gebannt und ehrfürchtig schauen und lauschen wir, wie sich Hunderte von Kraniche nähern, kreischend und trompetend zu einem eleganten Landeanflug ansetzen. Die Kraniche suchen ihren Schlafplatz, die Menschenmenge löst sich zufrieden auf und macht sich auf den Heimweg.

Die Wintermonate von November bis März sind die beste Besuchszeit für Bosque del Apache National Wildlife Refuge. Aber auch im Sommer ist das Naturschutzgebiet ein beliebtes Ausflugsziel und gibt verschiedenen Vogelgemeinschaften eine grosse Anzahl von unterschiedlichen Lebensräumen. So zum Beispiel der Kolibri oder Hummingbird. Er braucht etwas mehr Wärme im Winter und zieht nach Mexiko. Im Sommer liebt der kleine Vogel mit seinem metallic grünen Rücken und rotem Hals die zahlreichen Wald- und Wiesenblumen, die energiereiche Nahrung wie Nektar und Insekten bereitstellen. Mit einer hohen Frequenz von 40 bis 50 Flügelschlägen schiesst er um die Blüten herum. Auch der allesfressende Wild Turkey (Wilder Truthahn) findet hier, was er braucht. Obwohl er sehr schwer ist, ist er im Gegensatz zu inländischen Tieren ein hervorragender Flieger und bietet dem Beobachter interessante Flugformationen, vor allem, wenn Gefahr im Anmarsch ist.

Wer eine Mischung aus Natur und Kultur bevorzugt, sollte in der letzten Novemberwoche anreisen und das Festival of the Cranes besuchen.

Bosque del Apache National Wildlife Refuge
Soccorro, NM 87801 * Tel: 575-835-1828
www.fws.gov/southwest/refuges/newmex/bosque

Photos: Bosque del Apache, Friends of the Bosque, NM Tourism Office


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