Alcatraz – The Rock

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Auf die Frage aber, welche Stadt die schönste auf dieser Welt sei, fällt immer wieder ein Name: San Francisco. Die „Belle of the Bay“ fasziniert durch ihre Lage entlang einer Bucht am Pazifik, ihr mildes Klima oder die von Häusern im viktorianischen Stil gesäumten steilen Straßen über die mehr als drei Dutzend Hügel, auf denen die Stadt erbaut wurde. Golden Gate Bridge, Cable Car und die kurvenreiche Lombard Street sind nur drei weitere Stichworte, die weltweit mit der kalifornischen Metropole in Verbindung gebracht werden. Und natürlich nicht zu vergessen, das einstige Gefängnis Alcatraz.

Auf dem Broadway genannten 90 Meter langen Gang zwischen den Blöcken B und C des Zellenhauses der einstigen Gefängnisinsel treffen wir auf einen Teenager aus Hessen. „In der Dunkelzelle hätte ich es keine Minute ausgehalten. Gut, dass die Tür offen war“, ist die 14-Jährige überzeugt. Insassen, die sich nicht an die strengen Vorschriften hielten, mussten damit rechnen, in einer der Isolierzellen im Block D zu landen. Bis zu 19 Tage konnten sie dort in völliger Dunkelheit gehalten werden. Für das Mädchen sind San Francisco und insbesondere die einstige Gefängnisinsel die erklärten Höhepunkte ihrer Tour durch den Südwesten. Naturwunder wie Yellowstone, Monument Valley, Grand Canyon oder Death Valley müssen sich bei ihr mit den hinteren Plätzen begnügen.

Der Teenager ist aber andererseits auch längst nicht die einzige Besucherin, bei der „The Rock“, der Felsen, eine gewisse Beklemmung auslöst. Auf drei Etagen sind die Zellen verteilt. Auch wenn es hier von Touristen – die meisten in ihren Audio-Guide mit Erzählungen von Gefangenen und Wärtern vertieft – wimmelt, meint man, die Gesichter der Gefangenen hinter den Gitterstäben aus gehärtetem Stahl zu sehen. Ein metallisches Knallen, verursacht von ins Schloss fallenden, mehr als ein Zentner schweren Türen, hallt noch lange in den Ohren nach. Mit einer einzigen Bewegung eines Hebels konnten die Wärter 14 Zellen auf einmal und in nur drei Sekunden schließen.

Oder man meint die Geräusche der Nacht zu hören: Das Schnarchen eines menschlichen Höhlenbärs aus der Nachbarzelle, das Geräusch eines vorbeifahrenden Bootes, das Nebelhorn eines Schiffes oder gar das vom Wind herübergewehte Gelächter von Frauen, die im zwei Kilometer entfernten St. Francis Yacht Club eine Party feiern – typischer Lärm einer nahen Stadt und doch für die Insassen unerreichbar fern. Auf gerade einmal 1,5 mal 2,7 Metern mussten sie es zwischen 18 und 23 Stunden pro Tag aushalten. Ein Tischchen, eine Pritsche, ein Waschbecken und eine Toilette waren das einzige Inventar in ihrem Raum. Neuankömmlinge, die unter dem Gejohle ihrer künftigen Mithäftlinge im Adamskostüm durch den Gang laufen mussten, waren eine der wenigen Abwechslungen.

Das Salzwasser setzte den Anlagen und Gebäuden auf der 500 Meter langen und bis zu gut 80 Meter hohen Insel zu. Entsprechend hoch waren nicht nur die Betriebskosten, sondern insbesondere auch die Aufwendungen für die Instandhaltung. Das führte dazu, dass US-Justizminister Robert Kennedy im März 1963 die Schließung des Gefängnisses anordnete. Im November 1964 und dann zwischen 1969 und 1971 rückte die Insel noch einmal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als eine Gruppe junger Indianer das Gelände besetzte, und ein Kaufangebot über „20 Dollar in Glasperlen und rotem Tuch“ abgab. Monate nach der Räumung durch das FBI wurde die Insel 1972 als Teil der Golden Gate National Recreation Area dem Nationalparkservice unterstellt und ist seither als Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Dem Besucher wird auf Bildern und Schautafeln der Alltag während der dreißig Jahre, die die Insel als Bundesgefängnis diente, näher gebracht. Ein Tag glich dem vorangegangenen wie ein Ei dem anderen. Es gab aber auch versuchte Ausbrüche. Einer davon ist die sogenannte Schlacht von Alcatraz im Mai 1946. Sie endete nach drei Tagen, zwei Wächter und drei Insassen wurden getötet und ein Dutzend weiterer verletzt. Insgesamt wurden 14 Fluchtversuche, an denen 34 Gefangene beteiligt waren, registriert. Die meisten Insassen wurden lebend gefasst, aber fünf Verbrecher sind bis heute verschwunden. Es wird angenommen, dass sie im kalten Wasser der Bay of San Francisco ertrunken sind. Wegen diesem und der tückischen Strömungen galt das Gefängnis als absolut ausbruchssicher. Obendrein konnten die Insassen nur warm duschen. So sollte verhindert werden, dass sie sich an kaltes Wasser gewöhnen.

Während der Tour durch das dreigeschossige Zellenhaus begegnet man auch den berüchtigtsten Verbrechern, die die USA in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hervorgebracht haben. Einige Beispiele gefällig? Da ist etwa Al Capone zu nennen. Er ist der berüchtigste unter den insgesamt 1576 Insassen des berühmtesten Gefängnisses des Landes. Al Capone beherrschte in den späten 1920er Jahren die Unterwelt von Chicago, machte seine Geschäfte während der Prohibitionszeit mit illegalem Alkoholhandel und illegalem Glücksspiel sowie Prostitution und Schutzgelderpressung. Nach außen stellte sich Capone gerne als sauberen Geschäftsmann dar. Seine Haft saß er zunächst in Atlanta (Georgia) ab, wo er wie ein König gelebt haben soll. Das sollte sich radikal ändern, als er 1934 ins gerade fertig gewordene Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz verlegt wurde. Selbst die Teilnahme am Arbeitsprogramm – es wurden Verkehrsschilder hergestellt – galt hier schon als Vergünstigung. Andere Berühmtheiten unter den gleichzeitig nie mehr als 302 Häftlingen auf der Insel waren „Machine Gun“ Kelly, der sich in seiner Glanzzeit von seiner Frau kutschieren ließ, oder „The Birdman“ Robert Stroud, ein Killer, der im Gefängnis Vögel züchtete (und über den sogar ein Film gedreht wurde).

Ein Luxus, den die Gefangenen sich teilten, war die gelegentliche Aussicht auf San Francisco und die sich damals im Bau befindliche Golden Gate Bridge. Die mit einer Spannweite von 1280 Metern bei 2,7 Kilometern Gesamtlänge einst längste Hängebrücke der Welt verbindet als Teil des US-Highways 101 knapp 70 Meter über dem Wasser San Francisco mit dem Nordufer der Bucht und dem Marin County. Abgesehen davon, dass sie aus dem Verkehrsnetz der Bay Area mit ihren etwa sieben Millionen Menschen nicht wegzudenken ist: Die Brücke ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt und neben der New Yorker Freiheitsstatue das Symbol Amerikas schlechthin.

Vom verkehrsgünstig in der Nähe von Fisherman’s Wharf gelegenen Pier 33 braucht unsere Fähre hinüber nach Alcatraz gerade einmal eine knappe Viertelstunde. Unterwegs präsentiert sich die Golden Gate Bridge in ihrer vollen Pracht. Das ist aufgrund der häufig vom Meer her durch die Bucht und über die Hügel ziehenden Nebelschwaden, längst nicht immer der Fall. Dafür und für ihre sehr unterschiedlichen Mikroklimas ist die Stadt bekannt. Am Golden Gate kann es durchaus empfindlich kühl sein, während es im Zentrum hochsommerlich warm ist. Diese Begebenheiten trugen auch dazu bei, dass die Bucht erst 1775 entdeckt wurde. Dabei hatten Entdecker wie Francis Drake die Region schon im 16. Jahrhundert erkundet. Der Nebel verhinderte aber oftmals die Sicht auf die Meerenge und die Bucht. Die von Missionaren in Gedenken an den heiligen Franz von Assisi San Francisco de Assis genannte Siedlung zählte 1848 lediglich 900 Einwohner. Mit dem beginnenden Goldrausch in der über den Sacramento River gut erreichbaren Gegend um Sacramento und der Sierra Nevada schnellte diese Zahl innerhalb eines Jahres auf über 20.000 hoch – und brachte der Meerenge den heute gebräuchlichen Namen ein.

Unbewohnt blieb damals ein windumtoster, 85.000 Quadratmeter großer Sandsteinblock ohne Frischwasser mitten in der Bucht. Die lokalen Indianer brachten ihn mit bösen Geistern in Verbindung und weder die spanischen Entdecker noch später die Mexikaner nutzten den Felsen. Das Eiland mit dem Namen Alcatraz schien dem US-Militär – den USA war das Gebiet des heutigen Staates Kalifornien 1848 nach dem amerikanisch-mexikanischen Krieg zugefallen – aber als Standort für ein Fort zum Schutz des strategisch wichtigen Hafens und der Goldtransporte geeignet. Also wurden ebene Flächen für die Gebäude und Stellplätze der Kanonen aus dem Felsen geschlagen. Benutzt wurden diese übrigens nur ein einziges Mal während des Bürgerkrieges, als ein Schuss auf ein Schiff der konföderierten abgefeuert wurde. Zudem diente die Festung von Beginn an auch als Militärgefängnis. Die Umsetzung der um die Jahrhundertwende aufgekommenen Pläne für ein neues Zellengebäude verzögerte sich. Der Grund: Am 18. April 1906 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,8 auf der Richterskala die Stadt. Das Beben und vor allem zahlreiche Brände, die durch gerissene Gasleitungen ausgelöst wurden, zerstörten weite Teile von San Francisco.. Die Schätzungen zu den Opferzahlen schwanken zwischen 7000 und mehr als 20.000 Menschen. Durch ihre Nähe zur San Andreas Verwerfung gilt die Metropole nach wie vor als stark gefährdet. Beim letzten großen Beben in der Region – im Herbst 1989 mit einer Stärke von 7,1 – wurden viele Straßen zerstört. Der Embarcadero Freeway musste abgerissen werden. Teile der oberen Fahrbahn der zweistöckigen Bay Bridge, die seit den 1930er Jahren San Fancisco mit dem östlichen Nachbar Oakland verbindet, fielen auf die darunterliegende Ebene. Experten befürchten, dass es in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten zu einem weiteren schweren Erdbeben in Kalifornien kommen wird.

Im Alltag der Menschen ist von dieser latenten Gefahr nichts zu spüren. Die Hochhäuser im Finanzdistrikt, die inzwischen die markante Skyline bilden, gelten als erdbebensicher. Die meisten Stadtteile San Fanciscos werden allerdings von Häusern mit wenigen Etagen geprägt. Zwischen den Gebäuden ist ein Abstand von mehreren Zentimetern vorgeschrieben. So sollen bei Erschütterungen – leichte Erdbeben sind in der Region an der Tagesordnung – kleinere Schwankungen der Wände möglich sein und Schäden möglichst verhindert werden. Gut möglich, dass die Erdbebensicherheit auch ein Gedanke bei der Ausgestaltung des 1912 fertiggestellten neuen dreigeschossigen Zellenhauses auf Alcatraz war. Das Militär entschied sich für mit Eisen verstärkten Beton. Als Anfang der dreißiger Jahre Gerüchte über eine schlechte Behandlung der Militärgefangenen öffentlich wurden, und obendrein die technische Entwicklung die militärische Bedeutung des Forts überholt hatte, wurde die Schließung der Einrichtung beschlossen. Die Justiz fasste die Gelegenheit beim Schopf und übernahm die Insel, um sie zu einem Hochsicherheitsgefängnis für die schlimmsten Verbrecher des Landes auszubauen und zu nutzen.

Heutzutage zählt Alcatraz mehr als eine Million Besucher pro Jahr. Sie sind auf die im Sommer etwa ein Dutzend Mal pro Tag an Pier 33 startenden Touren angewiesen. Dennoch sind in der Hochsaison die Überfahrten zur Insel häufig Wochen bis Monate im Voraus ausgebucht. Hat man es aufs Schiff geschafft und schließlich die Insel erreicht, heißt es zunächst einmal warten. In der Nähe der Anlegestelle bekommt der Gast von den Rangern Verhaltensmaßregeln mitgeteilt, ehe er sich auf Alcatraz frei bewegen darf. Höhepunkt ist zweifelsohne die Tour durch das Zellenhaus, zu dem ein steiler Weg hinaufführt. Neben dem beschriebenen Zellenblock können die Bibliothek, der Speiseaal, der Gefängnishof und das Büro des Gefängnisleiters besichtigt werden. Unterwegs bietet sich ein Abstecher zu den alten Kasernenanlagen mit ihren zum Teil mehr als ein Meter dicken Mauern an. Alcatraz sollte für jeden San Francisco Besucher auf dem Plan stehen.

Wer das berüchtigte Eiland und die Skyline von der Bucht aus genießen will, dem bieten sich weitere Gelegenheiten. Eine interessante sind die angebotenen Schiffsrundfahrten. Die Touren starten an den Piers 39 oder 43 ½ und beginnen im Sommer fast stündlich. Auch auf diesen Booten kommt man Alcatraz recht nahe und umrundet die Insel. Unbestrittener Höhepunkt ist die Fahrt unter der Golden Gate Bridge hindurch – vor allem, wenn keine Nebelschwaden über dem Wasser hängen, was eher in den milden Herbstmonaten als im Sommer der Fall ist. Von Bord aus bietet sich auch ein spektakulärer Blick auf die einmalige Topografie San Franciscos.

 

Trotz der 42 steilen Hügel – ab einer Höhe von 30 Metern werden sie offiziell „Hill“ genannt – ist das Straßennetz in der Innenstadt wie überall in den USA üblich strikt rechtswinklig angelegt. Dies führt speziell in den älteren Vierteln zu extrem steilen Straßenabschnitten. Ein Beispiel ist die Lombard Street, deren oberster Abschnitt in engen Serpentinen angelegt ist, und als steilste Straße der Welt gilt. Diese geographischen Verhältnisse sind auch der Auslöser für eine andere fast einmalige Sehenswürdigkeit der Stadt gewesen: Um die steilen Straßen komfortabler überwinden zu können, wurde 1870 die Cable Car eingeführt. Heute dienen die von in die Straße eingelassene Kabel gezogenen Wagen weniger dem Nahverkehr der Einwohner als den Touristen.

Insgesamt drei Linien sind noch in Betrieb. Ohne eine Fahrt mit der Cable Car ist ein Besuch in San Francisco nicht komplett. Entsprechend lang sind häufig die Schlangen an den Endstationen. Das gilt insbesondere bei Fisherman’s Wharf mit seinen zahlreichen touristischen Angeboten einschließlich des nur wenige Gehminuten entfernten Pier 39, wo Vergnügungsstätten, Restaurants und Läden um die Gunst der Touristen buhlen. Das gilt aber gleichermaßen für die Endstation an der Kreuzung Union Street/Market Street im Zentrum der Stadt.

Wichtig: Die Eintrittskarten zu Alcatraz sind sehr gefragt und können bis zu 90 Tage vor Ihrem Besuch bereits bestellt werden (online, per Telefon). Unbedingt reservieren, sonst laufen Sie Gefahr, dass ausgebucht ist. Die besten Ticketpreise gibt es direkt bei Alcatraz Cruises. Info: www.alcatrazcruises.com * Tel: 415-981-7625

Alcatraz Island National Park
Die Eintrittspreise beinhalten eine Audio-Tour, die auch in Deutsch angeboten wird. www.nps.gov/alca

Photos: Beate Kreuzer; San Francisco Travel Association;


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