1880 Town – Cowboys, Costner und Kamele

South Dakota ist in erster Linie bekannt durch in Stein gemeißelte Geschichte – um genauer zu sein, das Mount Rushmore National Memorial mit den vier in Fels gehauenen Köpfen der Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln; und das monumentale Crazy Horse Memorial, an dessen Fertigstellung noch immer gemeißelt, gehämmert und gesprengt wird.

Der Bundesstaat hat jedoch seinen Besuchern jede Menge weiterer Attraktionen zu bieten. Angefangen bei der Kultur der amerikanischen Ureinwohner, über Bergwälder und Sportabenteuer unter freiem Himmel, bis hin zur Geschichte des alten Westens. Die abwechslungsreiche Landschaft, riesige Granitfelsen, duftende Bergwälder, breite Flüsse und meilenweite offene Flächen rauben jedem den Atem. Besucher verspüren ein Lebensgefühl von Freiheit und Abenteuer, das besonders Europäer mit dem Wilden Westen verbinden. Überall trifft man auf Orte, an denen das Erbe der „alten Zeiten“ noch erhalten ist.

Ein Beispiel dafür ist die Westernstadt 1880 Town. Es handelt sich um eine kleine Oase irgendwo im Nirgendwo. Es ist nicht, wie oft vermutet, eine ehemalige Stadt, sondern ein Stück für Stück zusammengetragenes Freilichtmuseum mit über 30 Gebäuden und unzähligen Relikten aus der Wildwestzeit, das mit viel Liebe und Leidenschaft in die faszinierenden Präriehügel der Gegend eingebettet ist. 1880 Town liegt etwa 20 Meilen westlich der Stadt Murdo in Jones County an der Interstate 90.

Der wilde Westen

Endlose Steppen, eine Herde trabender Büffel, vereinzelt wachsende Kakteen am sandigen Wegrand und zwischendrin jede Menge Indianer und Cowboys. Außerdem hört man muhende Kühe, galoppierende Pferde und eine alte, rostige Postkutsche, die durch die Wüste rast, um ihre Verfolger abzuschütteln. Es wird geschossen und geprügelt. In den meisten Westernstädten heult der Wind durch leere Gassen. Irgendwo ist immer ein Bösewicht unterwegs, irgendwelche Indianer sind immer zu vertreiben und der Sheriff hat immer irgendeinen Streit zu schlichten. Dazu ertönt in unseren Köpfen die Titelmusik aus einer legendären Kultserie: „Dam dadda dam dadda dam dadda dam, Bonanza!“ Genau so sieht es im Wilden Westen aus – zumindest im Film.

Wild-West-Städte entfalten einen eigenen Reiz und ziehen eine große Zahl von Besuchern an. Jenseits des Konsumangebots der großen Metropolen in den USA, gibt es unter Touristen eine Fangemeinde, die Orte bevorzugt, die im Schatten einstigen Glanzes stehen. Bahnstationen, zu denen keine Züge mehr fahren, leere Bergbau-Camps sowie verlassene Farmen mit Windmühlen. Es geht auf die Suche nach Relikten und Zeugnissen einer längst vergangenen Ära. Wer herausfinden möchte, wie wild der Wilde Westen wirklich war, erfährt das in der Westernstadt 1880 Town. Hier findet man alle Antworten zu Fragen über Cowboys und Revolverhelden, Indianer und Indianerstämme, Trapper und Siedler, Rechte und Gesetze.

Angefangen hat alles 1969 als Richard Hullinger ein wenig Geld investierte, ein Stück Land kaufte und einfach abwarten wollte wie sich die Lage so entwickelt. 1972 wurde auf dem Grundstück eine Shell Tankstelle gebaut, mit dem Gedanken, in der Zukunft vielleicht eine kleine Wildwest-Attraktion für Touristen einzuplanen. Kurz nach deren Eröffnung, zog ein Film-Location-Scout auf der Suche nach geeigneten Filmkulissen durch South Dakota. Der geplante „Streifen“ sollte in der Epoche um 1880 spielen. Richard Hullinger’s Land entwickelte sich zum perfekten Drehort. Außerdem zahlte sich die Sammelleidenschaft seines Vaters Clarence aus, der zahlreiche Schätze aus der Wildwest-Zeit besaß, die er den Filmemachern zur Verfügung stellte.

In Windeseile baute die Filmproduktion eine Straßen Kulisse mit Holzgebäuden auf, die mehrere Monate als Hauptszenerie benutzt wurde. Als der Winter kam, reiste das Filmteam ab und zog sich zu Innenaufnahmen in Studios zurück. Als kleines Gastgeschenk erhielt Clare Hullinger Teile der Filmstadt. Der Western, veröffentlicht unter den Titeln „Hex, Charms” oder „The Shrieking“ wurde kein großer Kinoerfolg, dafür war aber das 1880 Town-Projekt von Anfang an erfolgsgekrönt. Vater und Sohn Hullinger erwarben mehr Land, entwickelten einen Marketingplan und schon wurde eine Westernstadt geboren.

Das Blatt der Geschichte der neuen Siedlung sollte sich hauptsächlich in der Zeitspanne zwischen 1880 und 1920 ausdehnen; wie immer gibt es einige kleine Ausnahmen. Eine davon ist der „50’s Train Diner“, ein Zug der Santa Fe Eisenbahngesellschaft aus dem Jahr 1950, der von Chicago nach Kalifornien tuckerte. Fernweh auf Schienen bekommt man, wenn man im Speisewagen einen der leckeren Kuchen probiert und dabei die Memorabilien der Vergangenheit begutachtet.

Aus umliegenden Ortschaften wurden gut erhaltene Gebäude entweder komplett transportiert oder abgebaut, danach restauriert und maßstabsgetreu in der Museumsstadt wieder aufgebaut. Die Kirche, St. Stephans Church, stammt aus einer kleinen Gemeinde namens Dixon in South Dakota. Ursprünglich gebaut im Jahre 1915, steht das Prachtstück mit den Originalfenstern jetzt in 1880 Town und die alte Turmglocke darf man jederzeit läuten. Der Transport erforderte mehrere Genehmigungen und sämtliche Lokalpolitiker in der Region mussten sich für das Projekt stark machen. Das Hotelgebäude stammt aus der 125 Einwohner großen Ortschaft Draper. Auf den Holztreppen findet man Originalabdrücke von Cowboy-Sporen. Der Bahnhof und das Telegrafenamt wurden von Gettysburg, South Dakota übersiedelt. „Express Agency“ oder „Pony Express“ nannte man die damalige Post, die auf der Main Street (Hauptstraße) einen neuen Platz gefunden hat. Die Postboten ritten über eine Distanz von 3200 km durch die Landschaft. Für die gesamte Strecke, die 153 Stationen umfasste, wurden 75 Ponys und 40 Reiter benötigt, die alle 300 km ausgewechselt wurden. Der Job war außerordentlich gefährlich, weil immer wieder mit feindlichen Indianerangriffen gerechnet werden musste.

Cowboys

Einen Spaß darf man sich in 1880 Town auf keinen Fall entgehen lassen. Fünf Dollar kostet der Kostümverleih pro Person und in Nullkommanichts wird man zum richtigen Cowboy oder Cowgirl. Dazu gehören Accessoires, die allerdings auch mit festen Regeln einhergehen, z.B. der Cowboyhut, der nur in der Kirche, bei Beerdigungen oder in Gegenwart einer Dame abgenommen wird. Um den Hals bindet sich der Cowboy ein Halstuch, „Bandana“, das zum Schutz gegen Staub oder als Verband diente. Die Stiefel sind kennzeichnend, nach vorne spitz zulaufend und hochgeschnitten, damit kein Schmutz hineingelangt, an den Fersen befinden sich die Sporen. Bei der täglichen Arbeit darf auch das Lasso nicht fehlen, das aus Pflanzenfasern oder Leder besteht. Cool, mutig, stark, breitbeiniger Gang, selbstverständlich einen Revolver im Gürtel und immer auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer, so wird das Leben eines Cowboys beschrieben. Doch die Wirklichkeit in der Wildwestzeit war eine andere.

„Cowboy“ heißt eigentlich „Kuhjunge“ und dieser saß den ganzen Tag auf einem Pferd, das meistens nicht sein eigenes war, um Rinder zu hüten. Doch in 1880 Town darf jeder seinen Traum ausleben. Wer im Kostüm durch die Main Street flaniert, sollte auch einen Abstecher in den Longhorn Saloon machen und eine kalte Sarsaparilla trinken. Das alkoholfreie Erfrischungsgetränk wird aus der Wurzel der Sarsaparilla Pflanze hergestellt; dieser sagt man sogar heilende Wirkung nach. Im Saloon gibt es auch Live-Unterhaltung von Klavier bis Tanz und zur Stärkung kleine Snacks wie Beef Jerky, Erdnüsse oder Popcorn. Wer seine künstlerischen Talente ausleben möchte, darf gerne auf die Bühne seiner Kreativität freien Lauf lassen.

Kevin Costner

Bei der Tour durch 1880 Town stößt man auf Dekorationen aus dem mit sieben Oscars ausgezeichneten, Hollywood-Film-Erfolg Der mit dem Wolf tanzt, der hier ebenfalls verewigt ist. Ein mit Gras bedecktes Haus, Zelte und allerlei Utensilien können hautnah bewundert werden. Buck, eines der Pferde, das Kevin Costner im Film ritt, hat sein Rentenalter auf dem Gelände verlebt, bis es im Alter von 33 Jahren starb. Ein ehrwürdiges Denkmal befindet sich auf seiner Grabstätte in 1880 Town. Zweieinhalb Monate zog die Filmcrew durch Drehorte, die über den ganzen Staat verteilt waren. Die Einwohner des US-Bundesstaates South Dakota sind sehr stolz darauf, dass ihr Land zur Kulisse eines erfolgreichen Films beitrug. Richard Hullinger war besonders beeindruckt davon, dass nicht Hollywood-Glamour sondern harte Arbeit das Leben der Schauspieler bestimmte.

Was einen Mann dazu bewegt professioneller Cowboy zu werden? Casey Tibbs, einer der bekanntesten Rodeo Reiter in Nordamerika, hat die Antwort: „Die Herausforderung“. Sein Leben waren die Pferde und das mit oder ohne Sattel. Er wusste wie es sich anfühlte, sich auf dem nackten Rücken eines unwilligen Gauls zu halten. Er starb 1990 im Alter von 61 Jahren und seinem Leben wird in der Westernstadt weiterhin Ehre verliehen. Im Casey Tibbs Museum stöbert man in originellen und originalen Utensilien seiner Karriere.

Kamele?

Wer mittlerweile müde Füße hat, kann sich entspannt in den Kutschwagen setzen und zu dem knapp einen halben Kilometer entfernten Bauernhof transportieren lassen. Das Gelände mit der Farm bietet alles, was man sich unter einer echten Kulisse aus vergangener Zeit vorstellt. Windmühle, Brunnen, Haupthaus, Stallungen und die dazugehörigen Pferde, Hühner, Longhorn Rinder und nicht so ganz stilgerecht – ein Kamel. Warum ein Kamel? Dafür gibt es zwei Gründe: Vater Clarence Hullinger war ein Fan des „US Camel Corps“, ein im Jahre 1856 aufgestellter, mit Kamelen ausgerüsteter Verband der US Army, die Kamele als Packtiere nutzten. Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges wurde das Camel Corps aufgelöst und die Tiere gingen in Privatbesitz, einige davon nach South Dakota. Im Süden des Staates in dem kleinen Ort Pukwanda, gibt es noch heute einen Züchter. Außerdem ist Clarence ein großer Sammler und eines seiner liebsten Stücke sind antike Kamelglocken. Eines Tages begutachtete er seine Kollektion, rief seinen Sohn an und sagte: „Wollte Dir nur sagen, ich gehe ein Kamel kaufen, die Glocken hab ich ja schon!“ Otis, so heißt der Exot, ist einer der Lieblinge und besonders bei den jüngeren Gästen gefragt.

Für kleine und große Cowboys und Cowgirls, und alle, die ein wenig Westernluft schnuppern wollen, ist 1880 Town ein idealer Ort, um eine vergangene Welt wieder lebendig werden zu lassen. Der Wilde Westen und Cowboyabenteuer werden hier zur Inspiration, obwohl der Mythos auch in den USA ständig angezweifelt wird, weil das Pferd inzwischen gegen die Pferdestärken eines Geländewagens und der Revolver gegen das Handy ausgetauscht wurden. 1880 Town ist ein Stück lebendige Geschichte. Besuchen Sie den Saloon, klopfen Sie an das Büro des Sheriffs, schauen Sie das Gefängnis am besten nur von außen an, hüten Sie sich vor einer Schießerei und genießen Sie die Wild-West-Metropole mit all ihrer Vielfalt. Richard Hullinger, dessen Urgroßeltern väterlicher und mütterlicherseits aus Deutschland stammen, meint, es gibt nur einen Weg 1880 Town kennenzulernen: „Nicht lange Pläne schmieden, einfach packen und los geht’s!”

So kommen Sie zur 1880 Town:

Am besten lässt sich die 1880 Town mit einem road trip verbinden. Von Deutschland geht es non-Stop nach Denver, mit Anschlussflug nach Rapid City. Leihwagen reservieren Sie sich am besten schon in Deutschland.

1880 Town ist geöffnet von Mai bis Oktober, so lange es hell ist. Santa Fe 50’s Train Diner von 7.30 Uhr bis 14.00 Uhr in der Hauptsaison. Eintritt: Erwachsene $12, Senioren $10, Kinder von 6-12 $5, Teenager von 13-18 $7.

1880 Town
South Dakota Interstate 90, Ausfahrt 170, 22 Meilen (ca. 35 km) westlich von Murdo * Tel: 605-344-2236 * www.1880town.com

South Dakota Touristenbüro
711 East Wells Avenue, c/o 500 East Capitol Avenue, Pierre, SD 57501* Tel: 605-773-3301 * www.travelsd.com


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